Spitzenglättung versus variable Netzentgelte

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Die wachsende Anzahl an Elektroautos sowie die stärkere Nutzung von Wärmepumpen für die Beheizung von Häusern führen zu einem steigenden Strombedarf. Dies stellt die Stromnetze zukünftig vor einige Herausforderungen. Insbesondere dann, wenn zum Beispiel ein Großteil der Elektromobile gleichzeitig abends geladen werden. Eine Möglichkeit, um die Versorgungssicherheit aller sicherzustellen, ist die sogenannte Spitzenglättung. Bei diesem Modell sollen die Netzbetreiber, flexible Verbraucher - wie eben E-Autos und Wärmepumpen - bis zu 1,5 Stunden am Tag abschalten können.

Diagramm Strompreise vor einem Strommast.
Variable Netzentgelte könnten beim wachsenden Strombedarf wichtige Entlastung schaffen.
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Wahlfreiheit durch Spitzenglättung eingeschränkt

Dieses Modell birgt allerdings laut einer vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) in Auftrag gegebenen Studie für private Haushalte viele Nachteile. Denn die Wahlfreiheit von Verbraucher:innen wird durch solche Eingriffe der Netzbetreiber spürbar eingeschränkt. Wer dem Netzbetreiber keinen Zugriff gewährt, soll zudem höhere Preise zahlen. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass teilflexible Verbraucher:innen hinsichtlich der Netzentgelte für den Verbrauch ihrer unflexiblen Verbrauchseinrichtungen durch dieses Modell schlechter gestellt werden als Verbraucher:innen ohne flexible Verbrauchseinrichtungen. Dies ist dann der Fall, wenn sie für diesen unflexiblen Verbrauchsanteil „unbedingte Leistung“ über den ihnen zugewiesenen Standardwert hinaus bestellen und/oder bei Überschreitungen der bestellten Leistung Pönalen (Vertragsstrafen) zahlen müssen. Eine solche Ungleichbehandlung würde dem Gebot der Diskriminierungsfreiheit zuwiderlaufen.

Würde man die Idee der Spitzenglättung verbindlich einführen, wäre das Modell wegen seiner Komplexität nur schwer wieder zu ändern. Allerdings gibt es auch bei dem Modell der Spitzenglättung einige Vorteile. Netzengpässe und damit gegebenenfalls verbundene Stromausfälle ließen sich durch Abschaltung flexibler Verbrauchseinrichtungen durch die Netzbetreiber besser steuern beziehungsweise vermeiden. Ein Recht des Netzbetreibers, in solchen Ausnahmesituationen direkt in den Betrieb der flexiblen Verbraucher:innen eingreifen zu dürfen, wäre vertretbar. Grundsätzlich sollte aus Verbrauchersicht aber eine andere Lösung gefunden werden; etwa durch die Einführung zeitvariabler Netzentgelte.

Variable Netzentgelte würden Entlastung schaffen

Bei dieser Variante zur Entlastung der Stromnetze sollen die Netzentgelte, die einen hohen Anteil des Strompreises gerade in Schleswig-Holstein ausmachen, zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Preise erhalten. Dies wäre eine Form von variablen Stromtarifen. Verbraucher:innen könnten dann selbst wählen, zu welchen Zeiten und damit zu welchen Kosten sie Strom aus dem Netz entnehmen. Wenn sie ihr Elektroauto dann zu einer nachfragearmen Zeit laden und dadurch das Netz entlasten, würde sich das auch günstig auf ihre Stromkosten auswirken.

Genauso wäre es in Bezug auf den Betrieb einer Wärmepumpe. Eine solche preisliche Ausgestaltung lässt Verbraucher:innen die freie Wahl, wann und zu welchen Kosten sie Strom aus dem Netz entnehmen. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass die Stromversorgung gewährleistet ist, da auch dieses Modell durch die Preisgestaltung Engpässen im Stromnetz vorbeugt. Ein Gutachten im Auftrag des vzbv kommt zu dem Ergebnis, dass die Integration neuer flexibler Verbrauchseinrichtungen in das Stromnetz am besten über eine Kombination aus zeitvariablen Netzentgelten als Regelkomponente und einer auf das Notwendigste reduzierten Form der Spitzenglättung im Ausnahmefall realisiert werden sollte.

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