Ein Dorf heizt sich selbst ein

Stand:

Gefühlt ist die Gemeinde Stedesand ein kleines, nettes Dorf, wie man es an vielen, vielen Ecken in Schleswig-Holstein kennt. Doch der 900-Seelen-Ort beherbergt im typischen Dorfidyll nicht nur einen Fußballverein, eine Freiwillige Feuerwehr oder auch einen Sparclub. Vielmehr gehört die kleine Gemeinde in Sachen Energiewende zu den großen Paradebeispielen im nördlichsten Bundesland. Denn vor einiger Zeit wurde hier ein Wärmenetz ins Leben gerufen. Im Jahr 2013 begannen dafür die Planungen und seit 2018 sorgt es endlich dafür, dass die Heizungen in Stedesander Häusern warm werden.

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Stephan Koth war damals und ist heute ehrenamtlicher Bürgermeister und daher eng mit dem Entstehungsprozess verbunden. „Die Idee wurde schon 2010 von einer örtlichen Biogasanlage geboren. Die Betreiber hatten den Gedanken, im Ortskern ein Wärmenetz zu installieren“, verrät er zum Ursprung des Wärmenetzes und fährt dann fort: „Das hat sich allerdings aus Gründen des Energie-Einspeise-Gesetzes relativ schnell zerschlagen.“ Die Idee an sich fand im Dorf aber so viel Anklang, dass man ihr weiter nachgehen wollte. Wie kam es also zum Beginn der Umsetzung?

Bürgermeister Koth beantwortet es so: „Etwas mehr als zwei Jahre später stieß uns der damalige Planer an, dass die Gemeinde dies auch selbst stemmen und betreiben könnte. Immerhin will die Politik solche Wärmenetze, um die Wärmewende voranzutreiben.“ Das hat die Gemeinde im Jahr 2013 zum Anlass genommen, die Voraussetzungen für eine Errichtung eines Wärmenetzes zu prüfen. Schließlich kam sie zu dem Entschluss, dass es eine sinnvolle Sache ist und folglich fiel der Startschuss für die konkrete Umsetzung des Projektes.

Quartierskonzept als Startschuss

Die Grundlage für die Umsetzung stellte ein integriertes Quartierskonzept dar. Kurz gefasst bedeutet es, dass Sachverständige im Ortskern geprüft haben, wie viele Häuser in welchem Alter vorhanden sind und wie viel Energie diese verbrauchen. „Dem aktuellem Energieverbrauch haben wir seinerzeit die Frage gegenübergestellt, wie viel Energie eine Biogasanlage überhaupt liefern kann. Und so kam das Ganze dann ins Rollen“, erzählt Stephan Koth. Grundlegende Ziele waren es, in Zukunft weniger Heizkosten zu generieren, als es zuvor mit Öl oder Gas der Fall war, und nicht mehr auf die Global Player angewiesen zu sein.

Ein wahnsinniger Fortschritt, dass wir eine regionale Lösung verwirklicht haben.

Von der Planung des Netzes bis zur Realisation dauerte es fünf Jahre. Denn in der Zeit bis 2018 gab es eine Menge Abstimmungsaufwand, ehe das Projekt endlich in die Praxis umgesetzt werden konnte. Für eben jene Umsetzung hatte die Stedesander Gemeinde ein Planungsbüro angeheuert, das sie in allen aufkommenden Fragen und Hürden unterstützt hat. „Ohne diese Unterstützung wären wir nicht da hingekommen, wo wir heute stehen“, freut sich der Bürgermeister auch heute noch über die Hilfe. „Wir in der Gemeindevertretung sind alles nur Ehrenamtliche aus dem Dorf, die in ihrem Leben schon viel geleistet haben, aber ein Wärmenetz geplant, gebaut und betrieben hat von uns noch niemand. Da war das Planungsbüro schon ein notwendiger und hilfreicher Baustein.“

Gemeinsam vorankommen

Um die Realisierung endlich in Angriff zu nehmen, haben die Initiatoren eine Bürgerenergiegenossenschaft gegründet. Herr Koth dazu: „48 Genossen in unserem Dorf ziehen an einem Strang und entscheiden letzten Endes selbst über ihre Energiepreise.“ Die Bildung einer Genossenschaft kam dabei relativ frühzeitig auf den Tisch und das begründet er wie folgt: „Wir hatten eben den Gedanken, aus dem Würgegriff von großen Anbietern herauszukommen. Wenn wir jetzt einen großen Versorger mit dem Wärmenetzbetrieb beauftragt hätten, wären wir wieder an dem Punkt gewesen, wo irgendjemand nur ein Ziel hat: nämlich die Gewinnmaximierung auf unsere Kosten. Eine Genossenschaft macht keine Gewinne. Höchstens für eine Jahresabschlussfeier oder ein Grünkohlessen.“

Stephan Koth war während der Planung und des Baus – wenn man so will – in dreifacher Rolle gefragt: als Bürgermeister, Genossenschaftsmitglied und letztlich auch als zukünftiger Wärmeabnehmer. „Als Bürgermeister wurde ich von dem Planungsbüro gefragt, ob Interesse an einem Wärmenetz besteht. Das haben wir uns dann in der Gemeindevertretung vorstellen lassen und als Bürgermeister stand ich schon voll hinter der Idee. Auf dem Weg dahin hatte ich immer abwechselnd als Bürgermeister, als Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft und als Wärmeabnehmer den Hut auf. Da musste ich mich manchmal schon fragen, welchen Hut ich im jeweiligen Moment eigentlich gerade trage. Diese drei Positionen bestmöglich auf einander abzustimmen, war nicht immer einfach.“ Denn schließlich deckten sich nicht ständig die Interessen der unterschiedlichen Rollen. Doch das Ziel war immer dasselbe: Das Wärmenetz soll entstehen!

Ich bin seit 42 Jahren ehrenamtlich in der Gemeinde aktiv. Da ist es mir wichtig, dass mein Umfeld funktioniert – in welchem Team das auch sein mag. Solange ich am Ende das Gefühl habe, es geht uns als Gemeinschaft nachher besser als vorher, dann bin ich immer im Boot.

Genossen sind es bis dato 48, doch Wärmeabnahmestellen sind sogar 65 vorhanden – darunter das Stedesander Dörpshuus, die Turnhalle, das Feuerwehrgerätehaus und der Kindergarten. Grundsätzlich ist das Stedesander Wärmenetz ausgelegt für eine Verdichtung von 30 Prozent. Diese stellt den Wärmelieferanten – also die örtliche Biogasanlage, die schon die Idee vorgeschlagen hat – vor keine Probleme. Das heißt, es ist noch etwas Platz, um sich dem Wärmenetz im wahrsten Sinne des Wortes anzuschließen.

Neuanschlüsse müssen wirtschaftlich sein

Natürlich hängt die mögliche Anzahl neuer Anschlussstellen immer auch von den persönlichen Gegebenheiten der neuen Abnehmer ab. Für ein Einfamilienhaus als Abnehmer bleibt mehr Spielraum als für ein Hotel oder Restaurationsbetrieb. Grundlegende Voraussetzung für den Anschluss an das Wärmenetz ist der Eintritt in die Genossenschaft. Doch so einfach ist es für Interessierte leider nicht: sich im Nachhinein dem Wärmenetz anzuschließen. „Seit Fertigstellung haben wir schon die eine oder andere Anfrage von Bürgern gehabt, die jetzt wegen ihrer Energiekosten doch einsteigen wollten. Als Genossenschaft müssen wir aber auch immer die Wirtschaftlichkeit eines Neuanschlusses prüfen“, so Stephan Koth. Diese Überprüfung führte schon dazu, Anfragen ablehnen zu müssen. Der Bürgermeister gibt hierfür ein konkretes Beispiel: „Das Haus eines interessierten Dorfbewohners lag rund 60 Meter vom letzten Wärmeabnehmer weg. Eine überschaubare Entfernung. Allerdings standen drei Häuser, die nicht am Wärmenetz hingen, der direkten Versorgung im Weg. So hätte die Straße aufgerissen werden müssen – nur wegen eines Interessenten. Das war wirtschaftlich nicht darzustellen. Da mussten wir leider nein sagen.“

Wärmenetz_Stedesand_Baustelle

Hält eine Anfrage allerdings der wirtschaftlichen Prüfung stand, stellt sich natürlich umgehend die Frage nach den Anschlusskosten – ein Posten, der ziemlich variieren kann und in jedem Fall nicht unerheblich ist. „Die eigentlichen Anschlusskosten an unser Wärmenetz sind klar definiert. Es gibt eine Übergabestation in jedem Haus und die hat je nach Bedarf ihren fixen Preis. Aber der Weg dorthin muss entsprechend geebnet und bezahlt werden. Und da reden wir über Tiefbaukosten“, stellt Koth klar und ergänzt: „Da kommt es natürlich auf die Entfernung und den Untergrund an. Das war bei meinem Gasanschluss vor 20 Jahren auch nicht anders.“ Der Anschluss ist selbstverständlich nicht umsonst. „Während der Planung des Wärmenetzes hatte jeder Stedesander die Möglichkeit mitzuspielen. Das einzige, was er damals zu zahlen hatte, war die Genossenschaftseinlage von 1.500 Euro. Darin waren die Anschlusskosten enthalten. Es hat von Anfang an immer geheißen, solange die Gräben auf sind, kann sich jeder anschließen, aber wenn die Gräben zu sind, hat jeder den Aufwand selbst zu tragen“, hält Stephan Koth fest.

Bei einem Vollkostenvergleich steht die Fernwärme in aller Regel recht gut da. Denn Fernwärmekunden müssen eben keinen neuen Brenner beziehungsweise ein neues Heizungssystem kaufen. Ein großer Vorteil, insbesondere wenn Interessierte sowieso eine neue Wärmeversorgung benötigen. Das galt bei der Errichtung des Wärmenetzes selbstverständlich auch für die Stedesander Bürger. „Viele haben vor dem Start unseres Wärmenetzes argumentiert, dass sie das eingesparte Geld wahrscheinlich über einen höheren Wärmepreis irgendwann doch zahlen. Aber das ist ein Risiko, das über den steigenden Öl- oder Gaspreis genauso eintreten könnte“, stellt Stephan Koth klar. Als die Planungen im Jahr 2013 begannen, standen die Ölpreise auf einem günstigen Niveau, wie es Jahrzehnte lang nicht der Fall war. Der niedrige Ölpreis war natürlich kontraproduktiv für die Initiatoren und Wasser auf die Mühlen der Wärmenetz-Skeptiker im Ort. Viele monierten daher, dass die Nutzung des Wärmenetzes teurer sein würde als das Heizen mit Öl und zogen sich aus diesem Grunde wieder zurück. „Das hat uns Initiatoren auch das eine oder andere Veilchen eingebracht. Wir haben wiederholt am Abgrund gestanden und uns gefragt, was wir hier eigentlich machen. In der Zwischenzeit ist der Ölpreis wieder gestiegen und die Skeptiker sind deutlich ruhiger geworden. Ganz im Gegenteil: Viele Skeptiker ärgern sich jetzt, dass sie nicht von Anfang mit von der Partie waren“, so Koth.

Bioenergie und CO2-Einsparung

Bis zum Jahr 2032 sind die Beschaffung des Energieträgers und der Einkaufspreis der Fernwärme bereits festgelegt. Da passiert nichts, es sei denn die Biogasanlage gibt ihren Geist auf. „Das war genau der Punkt, weshalb wir mit der Biogasanlage ins Geschäft gekommen sind. Es war eine Win-win-Situation. Für die Biogasanlage ist die Stromabgabe bis 2032 mit einem fixen Betrag pro Kilowattstunde definiert. Und unsere Genossenschaft bekommt die Ansage, welcher Preis für jede Kilowattstunde Wärme fällig wird. Schlussendlich muss die Biogasanlage nur liefern. Damit haben wir uns, wie gesagt, aus dem Schwitzkasten der großen Energiequellen befreien können – jedenfalls bis 2032. Was dann ist, werden wir sehen.“ Klar ist nämlich, dass Biomasse nicht dauerhaft die Wärmequelle sein kann, denn Biogasanlagen sind mit einer bestimmten Nutzungsdauer versehen. Durch den Betrieb eines Wärmenetzes oder den Verkauf von Wärme kann sich diese verlängern. Ein riesiger Vorteil für die Biogasanlage, deren Laufzeit sich durch die Wärmeeinspeisung entsprechend erhöhte.

Mit dem heutigen Wissen darüber hätten wir sicherlich über 60 Genossen gehabt, mit denen wir gestartet wären.

Energiekosten hin oder her – so ein Wärmenetz hat auch einen großen ökologischen Aspekt. Nicht nur, dass die Stedesander Wärmeversorgung mit Biomasse beliefert wird, sie trägt zudem stark zur CO2-Einsparung bei. „Natürlich hat die CO2-Einsparung den Zugang zu großen Fördertöpfen ermöglicht. Denn die 65 Abnehmer produzieren für ihre Heizung gar kein CO2 mehr. Zum damaligen Planungszeitpunkt war die Umwelt- und Klimaschutzdiskussion noch nicht so weit fortgeschritten“, äußert der Bürgermeister.

Das gutlaufende Projekt ist ein großer Erfolg für und in Stedesand. Daher stellt sich konsequenterweise noch die Frage, was der Mitinitiator möglichen Nachahmern raten würde. „Zuerst einmal sollten sie schauen, ob es im näheren Umfeld Mitstreiter für solch ein Projekt gibt. Ganz oben steht der Gemeinschaftsgedanke, über den man sich auf diesen Weg begibt“, setzt Stephan Koth an und fährt fort: „Dann sollten sie sich ein spezialisiertes Planungsbüro für Wärmenetze suchen, das Erfahrung mit vergleichbaren Ortsgrößen wie ihrem haben. Es macht keinen Sinn, ein Büro zu engagieren, das ständig für Großstädte plant, nun aber für ein kleines Dorf in der Marsch planen soll. Und Durchhaltevermögen ist gefragt. Man darf das nicht auf Heller und Pfennig bemessen, was man selbst als Arbeitsaufwand in das Projekt reingesteckt hat. Das darf einem nicht wichtig sein. Begeisterung und Eigeninitiative sind wichtig.“

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